LINZ-DONAWITZ:

WURZEL UND BASIS

Die Geschichte der voestalpine

Das Hüttenwerk Donawitz im Jahr 1923. Bereits vor dem 1. Weltkrieg war Donawitz das unumstrittene Zentrum der österreichischen Eisen- und Stahlindustrie. Das größte zusammenhängende Stahlwerk Europas behauptete sich in den 1920er Jahren als Marktführer in der Erzeugung von Schienen, ab 1928 aus Elektro-, später aus LD-Stahl.

Sucht man die ursprünglichen Wurzeln der voestalpine, wird man nicht in Oberöster- reich oder Linz fündig. Da muss man seinen Blick in und auf die Steiermark richten und in den Süden, nach Kärnten. Dort nämlich hatte die Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft (ÖAMG) ihre Kerngebiete und Produktionsstätten. In der Steiermark vor allem die Industrieanlagen rund um den Steirischen Erzberg, wie die Hochöfen, Stahl- und Walzwerke in Donawitz sowie die Hochöfen in Eisenerz und Hieflau; in Kärnten die Anlagen rund um den Hüttenberger Erzberg. Der Gesellschaft gehörten auch die Kohlebergwerke Fohnsdorf, Köflach und Seegraben.


Entstanden ist die ÖAMG im Juli 1881 in Wien, in der Länderbank, durch den Zusam- menschluss der steirischen und Kärntner Hüttenbetriebe; dies mit dem Ziel, die Berg- werke und die Metallindustrie unter eine zentrale Verwaltung zu stellen sowie dem Strukturwandel in der Eisenindustrie Rechnung zu tragen. Die Produktion sollte dort konzentriert werden, wo es eine gute Eisenbahnanbindung gab und die Rohstoffe nahe waren. Die Unternehmensleitung saß indes im entfernten Wien. Apropos Wien: Da gibt es eine Legende, die unseren Ohren nicht völlig fremd vorkommt. Sie besagt, dass z. B. der Werkselektriker aus Donawitz nach Wien fahren musste, wenn bei einem Alpine- Vorstand zu Hause die Glühbirne kaputt war. Detail am Rande: Der Stundenlohn eines Arbeiters reichte damals für ein Kilo Brot, ein Kilo Kartoffeln und einen Liter Bier.


Noch vor der Jahrhundertwende wurde die ÖAMG als einer der ersten Industriebetriebe in Österreich an die Börse gebracht. Schon 1878 nahm Donawitz als erstes Hüttenwerk in Europa die Eisen- und Stahlerzeugung in Siemens-Martin-Öfen auf, 1902 wurde der damals größte Hochofen Europas errichtet und noch vor dem Krieg besaß Donawitz mit 14 Öfen die größte einheitliche Stahlwerksanlage Europas – und de facto das Monopol der Roheisenerzeugung in den österreichischen Kernländern der Monarchie. Eine wirtschaftliche Blüte erreichte die ÖAMG im 1. Weltkrieg, getrieben von der Rüstungsproduktion der K.-u.-k.-Monarchie. Nach dem 1. Weltkrieg war die Gesell- schaft der Pleite einige Male näher, als ihr lieb war. 1926 ging die Aktienmehrheit aus italienischem Besitz in deutsches Eigentum über.


Das leitet direkt über von der einen zur zweiten Wurzel der voestalpine, den Hermann-Göring-Werken in Linz. Am heutigen Sitz der Konzernzentrale der voestalpine gab es bis April 1938 nichts, was mit Eisen- und Stahlproduktion zu tun gehabt hätte. Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich gründete aber die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ Berlin eine Tochtergesellschaft in Linz. Dies war die Geburtsstunde der voestalpine.


Das alles klingt ungleich harmloser, als es in der Realität war. Denn geplant war ein riesiger zentraler Eisenerzeugungs- und Rüstungsbetrieb. Aus militärischer Sicht mitten im Reich gelegen und somit strategisch, aber auch verkehrstechnisch – Stichwort: Donau als Wasserweg – ideal. Auf einer gigantischen Fläche zwischen Linz und St. Valentin sollen zahlreiche Hochöfen geplant gewesen sein, und am Ende der Produkti- onslinie hätten dort zuerst Panzer, nach dem großen Weltfrieden auch zivile Produkte herausrollen sollen. Im Mai 1938 erfolgte in Linz-St. Peter der Spatenstich. Die 4 500 Bewohner wurden binnen Tagen (zwangs)umgesiedelt. 1939 wurden die Reichswerke Linz und die ÖAMG zur „Alpine Montan Aktiengesellschaft „Hermann Göring“ Linz“ zusammengeführt.


Die Linzer Werke hätten ohne den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte nicht gebaut werden können, da die dafür benötigte Anzahl am inländischen Arbeitsmarkt (Österreich und Deutschland) nicht verfügbar war. Sehr viel Personal und damit Tradition und Erfahrung in der Stahlproduktion wurde aus Donawitz, den Betrieben der ÖAMG, nach Linz geholt. Die ersten zivilen ausländischen Arbeitskräfte trafen im Sommer 1938 für den Aufbau in Linz ein. Später, ab 1940/41, wurden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sowie ab Ende 1942 männliche KZ-Häftlinge eingesetzt.


Nach Kriegsende (1945) beschlagnahmten die Siegermächte die Linzer Werke als Teil des „deutschen Eigentums“. Der in Oberösterreich gelegene Teil wurde als Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke (VÖEST) unter amerikanische Verwaltung ge- stellt und von der ÖAMG getrennt. Die in der sowjetischen Besatzungszone liegenden Teile des Unternehmens kamen unter sowjetische Verwaltung.


1946 beschloss der österreichische Nationalrat die Überführung wichtiger Schlüsselin- dustrien in das Eigentum der Republik. Die Verstaatlichung war der Versuch, die Betriebe dem Einfluss der Besatzungsmächte zwischen 1945 und 1955 zu entziehen. Während die VÖEST im Juli 1946 von der US-Besatzungsmacht an die Republik über- geben wurde, mussten Industriebetriebe im Osten Österreichs ganze Anlagen und große Teile ihrer Produktion an die sowjetische Besatzungsmacht abtreten.


Der Blick auf Wurzel und Basis der voestalpine legt eine spannende, bewegte Geschichte – und, ja, auch die Schattenseiten der Vergangenheit – offen. Hört man sich heute im Unternehmen um und fragt nach Wurzel und Basis des Aufstiegs aus teilweise nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich dunklen Zeiten, bekommt man eine fast einhellige Antwort: Es sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, beginnend mit den Lehrlingen. Mit ihrem Wissen, ihrem Engagement, ihrem Einsatz und ihrem Erfolgswillen. Heute wie damals sind und waren sie also das Herz des Konzerns und seiner Unternehmen.

Steiermark und Kärnten waren die Wiege der voestalpine. Schon im 19. Jahrhundert ging die Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft an die Börse.

Unmittelbar nach dem Spatenstich am 13. Mai 1938 beginnen in St. Peter-Zizlau die Bauarbeiten. Das Ortszentrum ist bereits verlassen, als im August 1938 die Gruben für die Fundamente der Hochöfen ausgehoben werden. Heute erinnern einzelne Straßennamen an das ehemalige Naherholungs- gebiet der Linzer Bevölkerung.