Die Übernahme von Böhler-Uddeholm im Eilzugstempo

WENN BAUCH UND

kopf ja sagEN

Es war ein Mittwoch Mitte März 2007, als Wolfgang Eder zu einer Dienstreise nach New Delhi aufgebrochen ist. Im Gepäck hatte er eher Ungewöhnliches, nämlich die schon sehr konkrete Idee, BÖHLER-UDDEHOLM zu übernehmen. Vier hektische Tage waren dieser Dienstreise vorausgegangen, die plötzlich einen zusätzlichen Zweck bekommen hatte, nämlich nach außen hin „Business as usual“ zu vermitteln.


Die Überlegung zu dieser Übernahme war Eder am Freitagabend der Vorwoche ge- kommen. Es war einer der Fälle, bei denen Kopf- und Bauchgefühl in völligem Gleich- klang standen. Er blickte an diesem Abend vor dem Weggehen aus dem Büro auf das ATX-Kurstableau von Reuters und sah Unerwartetes: Der Aktienkurs von BÖHLER- UDDEHOLM vollführte kurz vor Handelsende regelrechte Kurssprünge nach oben. Es tat sich was im Aktionärskreis. Und dann stellte sich schnell die Frage: Wenn sich wer anschickt, BÖHLER-UDDEHOLM zu übernehmen, warum nicht wir?


Schon am darauffolgenden Montag war sich der Vorstand einig, dieser Idee näherzu- treten, der Aufsichtsratsvorsitzende trug sie mit. Eine österreichische Investorengruppe, mit 21 % der BÖHLER-UDDEHOLM-Aktien Schlüssel zu einer erfolgreichen Übernahme, bekam Zeit, bis nach Eders Rückkehr aus New Delhi über einen Verkauf an die voestalpine nachzudenken. Sie war letztlich dazu bereit und eine britische Investoren- gruppe hatte damit das Nachsehen. Was folgte, war am 29. März 2007 die Ankündigung eines Übernahmeangebotes an alle Aktionäre von BÖHLER-UDDEHOLM. Keine drei Monate später besaß die voestalpine über 50 % an dem Unternehmen, im September 2008 war sie 100 %-Eigentümer von BÖHLER-UDDEHOLM. Preis: 4 Mrd. Euro. Neuer voestalpine-Mitarbeiterstand: 38 000.


So schnell das damals ging, so überlegt war es. BÖHLER-UDDEHOLM, bis 1991 Teil der VOEST-ALPINE, war im Konzern noch vielen geläufig; CEO Claus Raidl erst recht, war er doch von 1986 bis 1991 Finanzvorstand der VOEST-ALPINE. Eder und Raidl sind das erste Mal 1983 zusammengetroffen, Eder damals noch in der Rechtsabteilung, Raidl schon ÖIAG-Vorstand und VOEST-ALPINE-Aufsichtsrat. Ein Gespräch „von Mann zu Mann“ klärte die geänderten Verhältnisse im Jahr 2007, Raidl zog als Chef der neuen Division Edelstahl in den Vorstand der voestalpine ein.


Der voestalpine-Konzern wuchs mit der Übernahme schlagartig um beinahe 50 % und erweiterte seine internationale Marktpräsenz deutlich. Gleichzeitig bedeutete dieses Wachstum, dass der Konzern vor feindlichen Übernahmen noch besser gefeit war. Kopf- und Bauchgefühl haben Eder nicht getäuscht, frei nach dem Grundsatz: „Kopf UND Bauch müssen stimmen.“ BÖHLER-UDDEHOLM ist heute stolze und erfolgreiche High Performance Metals Division im voestalpine-Konzern.

Ein Projekt wird nur realisiert, wenn auch die Zahlen stimmen. Ein gutes Bauchgefühl alleine ist zu wenig.