WERTEBILDUNG

IN DER KRISE?

Kontaktbeschränkung, Ausgangssperre, Schulschließungen – ist mit dem Lockdown auch die Wertebildung im Freistaat herunter- gefahren worden? Weit gefehlt! Gerade in Krisenzeiten haben an unseren Schulen Werte wie Solidarität, Mitmenschlichkeit und Eigen- verantwortung neue Relevanz bekommen.

Montag, 4. Mai 2020, 8.55 Uhr. Florian ist in Eile. Um 9 Uhr beginnt die Ausbildungswoche der oberbayerischen Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter– daheim am Bildschirm. Jetzt noch schnell den Com- puter hochfahren, sich im virtuellen Konferenzraum BigBlueButton an- melden und den Mikrocheck durchführen. Schon erscheinen Tina und Jana vom JFF, dem Institut für Medienpädagogik in Forschung und Pra- xis, sowie die Schulsozialpädagogin Raphaela und begrüßen Florian und die anderen angehenden Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter. Eine völlig andere Ausbildungswoche nimmt ihren Anfang. Doch bis es soweit war, ist viel passiert: ein Rückblick auf die wertebildenden Aktivi- täten im Rahmen der Initiative „Werte machen Schule“ im wohl unge- wöhnlichsten Schuljahr aller Zeiten.


Die Corona-Krise und der damit verbundene Lockdown waren eine enorme Herausforderung für die ganze Schulfamilie und auch für die Ausbildung und Arbeit der Wertebotschafterinnen und Wertebot- schafter im Freistaat.


Gerade die Ausbildungswoche lebt vom Miteinander im Schullandheim, vom gemeinsamen Austausch, von der Ideenfindung und Planung in Kleingruppen und von dem Wir-Gefühl, das unweigerlich bei einer so in- tensiven und kreativen Arbeitswoche entsteht. Drei der vier Ausbildungs- wochen im Schuljahr 2019/20 konnten noch wie geplant stattfinden. In Unterfranken, Mittelfranken und der Oberpfalz sind jeweils rund 25 Schülerinnen und Schüler aus der achten oder neunten Jahrgangsstufe aller weiterführenden Schularten (inkl. Förderschulen) zu Wertebot- schafterinnen und Wertebotschaftern ausgebildet worden. Die Jugendli- chen waren enorm motiviert, haben sich eine ganze Woche lang über Werte ausgetauscht, gemeinsam Videos gedreht und werteorientierte Projekte geplant, die sie später an ihren Schulen umsetzen wollten.


Mit einer schönen Abschlussfeier zusammen mit ihren Schulleitungen und der Schulaufsicht wurden am Ende der Woche die Projekte präsen- tiert und die Urkunden übergeben. Für die jugendlichen Wertebotschaf- terinnen und Wertebotschafter ein Höhepunkt der Woche und ein An- sporn, an der eigenen Schule mit Schwung und Elan die geplanten Pro- jekte umzusetzen.


Dann kam die Corona-Krise mit voller Wucht.


Kontaktbeschränkung, Ausgangssperre und Schulschließungen haben das Leben von ei- nem Tag auf den anderen komplett verändert

und das gewohnte freiheitliche Miteinander massiv eingeschränkt. Wie kann in dieser Situation die noch ausstehende Ausbildung der Wertebot- schafterinnen und Wertebotschafter in Oberbayern durchgeführt wer- den?Und wie sollen die geplanten Projekte gelingen?


Unsere jugendlichen Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter haben sich nach einer kurzen Schockstarre schnell wieder aufgerap- pelt und sind aktiv geworden.


Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter aus der Oberpfalz haben mit einem berührenden, selbst gedrehten Video zum Distanzhalten auf- gerufen. In Schwaben wurde an der Maria-Ward-Realschule, wo auf In- itiative der dortigen Wertebotschafterin eine große Werte-AG entstanden war, ein Malwettbewerb durchgeführt. Der siegreiche Entwurf wurde als Vorlage für eine Postkarte verwendet, die als Pfingstgruß und Dank für die großen Bemühungen zur Zeit des Lernens zuhause an alle Schülerin- nen verschickt wurde. Diese und andere Beispiele zeigen: Wertebildung gelingt auch in der Corona-Krise. Gerade in Krisenzeiten haben Werte wie Solidarität, Mitmenschlichkeit und Eigenverantwortung neue Rele- vanz bekommen.


Wie ging es weiter mit der Wertebotschafterausbildung in Oberbayern?


Zurück zum Anfang: Florian und die 26 anderen angehenden oberbayeri- schen Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter haben Neugierde, Eigenverantwortung und Teamgeist bewiesen, als sie sich auf den Versuch einer ausschließlich virtuellen Ausbildungswoche eingelassen haben. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die schulischen Werte- projekte, die erarbeitet wurden, waren mindestens ebenso akribisch geplant wie in den analogen Ausbildungswochen – vielleicht sogar noch ein wenig detaillierter und strukturierter.


Denn der Austausch alleine über den Bildschirm hatte zur Folge, dass jedes winzige Detail und jeder noch so kleine Arbeitsschritt schriftlich festgehalten werden musste. Das war Projektplanung par excellence und von Vorteil für die spätere Arbeit. Und noch etwas war erstaunlich: Auch virtuell hat sich bei den Schülerinnen und Schülern, die sich vorher gar nicht kannten, ein Wir-Gefühl eingestellt. In Kleingruppen haben sich die Jugendlichen immer wieder gegenseitig unterstützt. Und wenn bei einem zwischenzeitlich das Tablet gestreikt hat oder jemand plötzlich aus dem virtuellen Konferenztool herausgefallen ist, haben die anderen via Handy rasch geholfen. Es war großartig zu sehen, wie engagiert, hilfsbereit und kreativ alle zusammengearbeitet haben. Das hat gezeigt: Wertebildung kann auch im Krisenmodus gut gelingen!


Dass die Werte(aus)bildung auch im Ausnahmeschuljahr 2019/20 erfolg-

reich war, ist vor allem der Einsatzbereitschaft starker Partner bei der In- itiative „Werte machen Schule“ zu verdanken. Das Kultusministerium hat in enger Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Schullandheimwerk, dem JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis und der Akademie für Philosophische Bildung und Wertedialog die virtuelle Aus- bildungswoche konzipiert und für die oberbayerischen Wertebotschafte- rinnen und Wertebotschafter durchgeführt. Auch die ursprünglich vorge- sehenen Seminarwochenenden in Unterfranken, Mittelfranken und der Oberpfalz im Juni und Juli wurden online durchgeführt.


Ein besonderer Dank geht an die Betreuertandems in den einzelnen Regierungsbezirken für das großartige Engagement!


Das Krisenjahr hat einmal mehr gezeigt: Die Initiative „Werte ma- chen Schule“ lebt von der Zusammenarbeit vieler starker Partnerin- nen und Partner bei der Wertebildung.

Oberpfälzische Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter beim Video-Dreh während der Ausbildungswoche

Gruppenfoto der unterfränkischen Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter nach der Urkundenverleihung

Videoaufruf oberpfälzischer Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter in der Corona-Krise

„WERTE UND ANSTAND MACHEN DEN

UNTERSCHIED – GERADE IN ZEITEN DER CORONA-

PANDEMIE. ICH BIN ÜBERWÄLTIGT, WIE VIELE

JUNGE MENSCHEN SICH VORBILDLICH

ENGAGIEREN UND VERHALTEN. IHR SEID DABEI

EIN BESONDERS LEUCHTENDES BEISPIEL FÜR

VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN, TEAMGEIST

UND HILFSBEREITSCHAFT.“

Mit diesen Worten dankt die bayerische Kultusstaatssekretärin Anna Stolz in ihrer Videobotschaft zum Abschluss der Ausbildungswoche den oberbayerischen Wertebotschafterinnen und Wertebotschaftern für ihr Engagement.

Projektidee zur Durchführung einer Wertewoche bei der virtuellen Wertebotschafterausbildung in Oberbayern

Schülerinnen und Schüler bei der virtuellen Ausbildung der Wertebotschafterinnen und Wertebotschafterin Oberbayern