BENTLEY MULLINER

Der

Himmel

über dem

Paradies

Wer sich einen Bentley kaufen will, hat es nicht leicht: 1,2 Millionen Entscheidungsmöglichkeiten, und da sind die echten Sonderwünsche noch gar nicht mitgerechnet. Für die lautet das Zauberwort übrigens: Mulliner.

Von Susanne Hofbauer

Mulliner ist Bentleys Abteilung für Sonderwünsche. Und eigentlich ist es beinahe bizarr: in einer von Haus aus auf höchste Erlesenheit und Exklusiv- ität ausgerichteten Welt noch eines draufzusetzen. Und was heißt: eines? Bei Mulliner kann man alles bestellen, was nicht gegen das gute Image der al- tehrwürdigen Automarke verstößt (oder am B des Bentley-Logos rührt). Ein Fliegenfischer-Set für den neuen geländegängigen Bentayga? Ein Armaturen- brett-Furnier, das aus dem Lieblingsbaum gemacht ist, der vielleicht Jahrhunderte im Park des Familienanwesens wuchs? Ein als Intarsie auf dem Handschuhfach-Deckel gearbeitetes Konterfei der Liebsten? Oder eine Karosseriefarbe, die haargenau den gleichen Pink-Ton hat wie der Lieblingsnagellack der Besitzerin in spe? Alles schon dagewesen. We are de- lighted, Madam! Always at your service, Sir!

Jeder Premiumhersteller hat eine Abteilung für ausgefallene Kundenwün- sche, mit Individualisierung kann man nämlich als Hersteller gut verdienen. Der Wunsch, sich von der Masse der anderen abzuheben, ist ausgeprägt und Geld offenbar genug vorhanden. Und auch Bentley, an sich als Markenwelt schon ein Elysium, profitiert von diesem Trend. Mit Mulliner läuft es gut, zwischen 200 und 300 Mulliner-Modelle liefert Bentley heute pro Jahr aus, das ist zehnmal mehr als noch vor drei Jahren. In den großen Rahmen gesetzt: Insgesamt wird Bentley – durch das Absatz-Momentum des Bentayga – sein Absatzvolumen von 10.100 Autos (2015) auf rund 14.000 steigern.

Mulliner ist eine Marke innerhalb der Marke, mit Wurzeln, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Mulliner – nicht zu verwechseln mit Mulsanne, dem Top-Modell von Bentley, das nach einer Kurve in Le Mans benannt ist – war ein Kutschenbauer, der Luxus-Pferdewagen herstellte, aber auch die Roy- al Mail mit Fahrzeugen belieferte. Später entwickelte sich aus dem Un- ternehmen (nach mehreren familiären Übernahmen und Zusammen- schlüssen) ein Karosseriebaubetrieb, bei dem unter anderen C. S. Rolls 1903 einen Aufbau für seinen Rolls-Royce Silver Ghost anfertigen ließ. In den 1930ern, Rolls-Royce hatte mittlerweile seinen Konkurrenten Bentley über- nommen, fertigte Mulliner bereits beinahe ausschließlich für das Luxus- marken-Duo, das den Karossiebauer 1959 dann ganz aufkaufte und mit Park Ward fusionierte. Zu Spitzenzeiten beschäftigte die Karosseriebau-Tochter 750 Mitarbeiter. In den traurigen Jahren der Verstaatlichung von Rolls-Royce wurde das Mulliner-Werk 1991 geschlossen und der Name als Spezialitäten- Abteilung Bentley zugeschlagen.

Dann wurde es ganz still um Mulliner. Erst als Bentley sich im VW-Imperi- um eingerichtet hatte (Rolls-Royce ging getrennte Wege und wurde von BMW übernommen), keimte neues Leben und wuchs sich über die Jahre zum Erfolg aus, der immer mehr Feuer entwickelt.

„Der Nahe Osten ist ein großer Markt für Mulliner“, sagt Produktmanager Jamie Smith, „ebenso Großbritannien und Kontinentaleuropa.“ In den USA, einem an sich wichtigen Bentley-Markt, sei eine stark individualisierte Mulliner-Ausstattung weniger gefragt, weil sich die Amerikaner leicht wieder von ihrem Bentley trennen wollen, was mit Normausstattung einfacher ist.

Wobei Norm bei den Autos aus Crewe, die man sich zu Preisen ab zirka ein- er Viertelmillion Euro vorstellen darf, eine andere Dimension hat als in gewöhnlichen Brot-und-Butter-Sphären. Schon im Standardbereich gibt es 1,2 Millionen Möglichkeiten, die Modelle mit Lackfarben, Lederversionen, Paspelierungen, Hölzern und anderen Dekorelementen zu kombinieren. Wer damit nicht auskommt, spricht mit der Mulliner-Abteilung, die das Auto an einem bestimmten Punkt aus dem genormten Bauablauf holt und ab da indi- viduell in Einzelschritten fertigstellt. Inklusive Picknick-Set, Kristallgläsern , Monogrammstickerei auf den Sitzlehnen und Goldakzenten, falls gewünscht.

Der Prozess des Auswählens und Komponierens sei ein wichtiger integra- tiver Bestandteil des Kauferlebnisses, sagt Mulliner-Chef Jamie Smith. Bis zu 18 Monate könne das im Extremfall dauern, durchschnittliche Anfragen dage- gen seien in sieben harten Tagen durchgekämpft.

Man darf sich die Mulliner-Leute aber nicht nur im Zwiegespräch mit Kun- den über deren ultimativen persönlichen Luxus vorstellen. Das Team entwirft auch erlesene Ausstattungsfeatures, die auf die jeweiligen Modelle zugeschnitten sind und als Mulliner-Extras für die Serie angeboten werden. „Mit dem Bentayga etwa können wir ganz neue Wege gehen und viel mehr als bisher Richtung Lifestyle denken“, sagt Smith. Auf die Idee mit dem Fliegen- fischer-Set kam die Mulliner-Crew im Gespräch mit dem Bentley-Chef, der selbst gerne fischt und in Steve, einem der Elektroingenieure bei Bentley, einen Fachmann des Metiers fand. Das exklusiv spleenige Equipment war ein perfekter Eyecatcher für das 5-Meter-SUV, mit dem Bentley sich auf ganz neues Terrain wagt.

Aber auch Kleinserien entwirft Mulliner. Wie etwa die Breitling Jet Serie im Vorjahr, die aus sieben Continental GT Speed bestand, die von den mattgrauen Albatros-Jets inspiriert waren. Dem Besitzer wurden die Schlüs- sel vom Piloten des jeweils Pate stehenden Jets überreicht, allerdings nicht bevor dieser auch eine Runde mitgeflogen war. Ein neuer Höhepunkt im Streben nach Einzigartigkeit. Mulliner eben.

Lautloses Schweben, wenn man die kleine schwarze Taste mit der Aufschrift e-Drive drückt. Dann fährt der 740e so lange nur mit Strom, wie es die Batterien erlauben. Im Idealfall sind das 45 Kilometer.

JAMIE SMITH kam 2011 zu Bent- ley, arbeitete erst zwei Jahre im Marketing und übernahm dann die Leitung der hausinternen Veredelungsabteilung Mulliner. Zu seinen Aufgaben gehört un- ter anderem, Kunden durch den Entstehungsprozess einer Einzel- anfertigung zu begleiten, der in manchen Fällen bis zu 18 Monate dauern kann.

Das Mulliner-Team erfüllt jeden Wunsch, stickt Muster und Wappen ins Sitzleder, legt unzählige Furnierblätter vor, bis das mit der richtigen Maserung gefunden ist, es baut auch ein professionelles Fliegen-Fischer- Set in den Kofferraum des geländegängigen Bentayga und assistiert bei der Wahl der besten Farbkombinationen von Lackierung, Leder und Nähgarn. Eines bleibt jedoch immer unangetastet: das Logo. „Rosa Flügel etwa“, sagt Jamie Smith, „würden wir niemals machen.“