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im Leben geht

Als „Wetterhans“ ist Hans Gessl im Hausruckviertel eine Institution. Er spürt altem bäuerlichen Wissen rund ums Wetter nach und deutet die Zeichen der Natur.

Text: Johannes Luxner Fotos: Sebastian Freiler

Den Blick auf die Hohe Wand kennt Heidi noch aus der Erinnerung.

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er mit dem Wetterhans zu Fuß im oberösterreichischen Haus- ruckviertel unterwegs ist, muss damit rechnen, in viele Gesprä-

che verwickelt zu werden. Denn der Grieskirchener, der eigentlich Hans Gessl heißt, ist auch über die Grenzen der Region hinaus bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Wobei sein Äußeres keine unwesentliche Rolle spielt: Gessls graue Haarpracht reicht bis zu den Schultern und der dichte weiße Bart schwebt wie eine große bauschige Wolke vor dem Kinn. Die bunte Kleidung tut ein Übriges – Gessl würde auch als Religionsstif- ter oder Friedensaktivist eine gute Figur machen, doch sein Thema ist das Wetter.


Die Natur richtig deuten

Seit über 20 Jahren setzt er sich intensiv damit auseinander, was ihm schon früh den Spitznamen „Wetterhans“ eingebracht hat. „Ich wünsch mir, dass sich die Menschen wieder intensiver mit dem Wetter auseinan- dersetzen und nicht nur in ihre App schauen. Man muss das Wetter spü- ren“, so der Wetterhans. Sein erster Weg führt ihn jeden Tag noch vor sechs Uhr morgens auf den Balkon seines Hauses, von wo aus er mit einer Tasse Kaffee das Wetter beobachtet und versucht, es zu fühlen, um her- auszufinden, was der Tag bringt. Gessl lacht: „Wetterfühligkeit kann auch etwas Positives bedeuten.“ Dabei sind Bauernregeln für den Wetterhans ebenso wichtig wie dass er sich auch mit der Tier- und Pflanzenwelt ausei- nandersetzt, um Prognosen anzustellen. „Die Natur gibt uns sehr viele Hinweise. Wir müssen sie nur richtig deuten.“


Uraltes Wetterwissen

Entfacht wurde seine Leidenschaft für das Beobachten und Deuten des Wetters Mitte der 1990er-Jahre von einer alten oberösterreichischen Bäuerin: „Sie war damals 97 und hat ihr ganzes Leben lang keinen Wet- terbericht gebraucht, weil sie die Natur beobachtet und daraus ihre eige- nen Prognosen abgeleitet hat“, erinnert sich Gessl. Sein großes Interesse gilt seither dem alten bäuerlichen Wetterwissen. „Für die Bauern war es eine Existenzfrage, sich mit dem Wetter auseinanderzusetzen. Es war etwa bei der Heuernte wichtig, prophezeien zu können, wann drei schöne Tage in Folge zu erwarten sind“, erklärt er. Gessl ist es ein Anliegen, das wichtige Wissen von einst zu erhalten: „Du findest fast in jedem Ort Wet- terkundige, die viel zu erzählen haben.“ Dementsprechend hat der Wet- terhans viele Geschichten parat.


Hühner und andere „Wetterfrösche“

Etwa, was es bedeutet, wenn die Hühner auf den Misthaufen klettern: „Das ist ein Signal dafür, dass die Luft feuchter wird und die Regenwahr- scheinlichkeit steigt. Die Insekten kriechen bei erhöhter Luftfeuchtigkeit aus dem Haufen an die Oberfläche. Damit sind sie oben am Misthaufen ein gefundenes Fressen für die Hühner.“


Aber auch viele Pflanzen sind tradi- tionell Wetterindikatoren: etwa die Königskerze, die auch Wetterkerze genannt wird. An ihrem saisonalen Wuchs lasse sich ableiten, wie der Winter wird, so Gessl: „Je tiefer der ers- te Kranz wächst, umso früher kommt der Winter. Trägt sie wenige Blüten, wird es wenig Schnee geben, und umgekehrt.“ Aber auch die Tulpe gilt als verlässlicher Wetterindikator: „Stehen ihre Blüten weit offen, ist mit einer länger anhaltenden Schönphase zu rechnen. Die Tulpe hat ein Wetter- hirn.“ Auch Ringelblumen gelten als feinfühlige Wetterindikatoren: „Wenn sie bis sieben, halb acht in der Früh ihre Blüten noch nicht aufge- macht haben, deutet das darauf hin, dass die Temperatur den Tag über niedrig bleiben wird.“ Und es gilt: „Frühes Veilchen bleibt ein Weilchen.“ Wenn sehr früh im März besonders viele Veilchen blühen, sei dies ein Hinweis auf einen konstant schönen Frühling, so der Wetterhans. Im ver- gangenen Herbst habe er besonders wenig Herbstzeitlosen gesichtet, was auf einen milden Winter hinweise.


Journalist und Geschichtenerzähler

Dass man den Wetterhans in Oberösterreich und insbesondere im Hausruckviertel kennt, liegt an seinem langjährigen medialen Wirken. Eigentlich ist Gessl Journalist. In den 1990er-Jahren war er zwei Jahre lang für eine wöchentliche Wetterrubrik bei Oberösterreich Heute ver- antwortlich, in der es darum ging, „das Wetter lebendiger zu gestalten und Geschichten zu erzählen“, erklärt Gessl. Später wurde er zum Wet- terkolumnisten für die Oberösterreichischen Nachrichten. „Wie wird das Wetter, lieber Hans?“ lautete der Titel seiner Kolumne, die dazu ge- führt hat, dass ihn das Thema Wetter bis heute auf Schritt und Tritt be- gleitet – sogar wenn er im Nah&Frisch Geschäft von Erni Reichart im wenige Kilometer entfernten Hofkirchen einkauft. Die beiden kennen sich seit einer gemeinsamen Cornwall-Reise. Wenn der Wetterhans mit seiner Frau Elisabeth im Ort vorbeiradelt, kehren sie regelmäßig im Markt ein. Dann muss Gessl mitunter Reicharts Kunden Rede und Ant- wort hinsichtlich seiner Wetterbeobachtungen stehen. „Das gehört mitt- lerweile dazu, daran habe ich mich gewöhnt.“


Warten auf die Frühlingsboten

Gessls Lieblingsstrecke, um die Wetterphänomene zu deuten, ist der Pan- oramaweg, der vom Ort Tollet über einen sanften Bergrücken in Richtung Grieskirchen führt. Von hier aus blickt man weit in alle vier Himmels- richtungen. Es dauert keine zehn Minuten, bis der Wetterhans von ande- ren Spaziergängern erkannt wird.


Die dreiköpfige Familie tut das, was alle tun, die dem Wetterhans in freier Wildbahn begegnen: Sie erkundigen sich nach dem Wetter. Sie wollen wissen, ob es halten wird, und bekunden auch Neugierde, was den Ver- lauf des kommenden Frühlings betrifft. Jetzt ist der Wetterhans in seinem Element. Er deutet die Wolken am Himmel, blickt auf seinen Luftdruck- messer und geht davon aus, dass der herrschende Föhn bald zusammen- brechen wird. Er prophezeit damit, dass es an diesem Tag noch deutlich kälter wird. In Sachen Frühling traut er sich noch keine Prognose abzuge- ben. Es sei noch zu früh im Jahr, um genügend Hinweise in Flora und Fauna finden zu können.


Das Wetter mögen

Eines ist für Gessl nach über 20 Jahren der intensiven Beschäftigung klar: „Das Wetter und das Leben bilden eine Einheit. Wir sind Wetter.“ Er ver- weist auf das Wechselspiel aus schönen und weniger schönen Phasen, die in Kombination mit ein paar heftigen Wolkenbrüchen letztlich das große Ganze ausmachen und sich gegenseitig bedingen. Deshalb gehe es im Le- ben darum, sich positiv auf all das einzulassen, was sich ohnehin nicht steuern lasse, so Gessl, der es auch anders auszudrücken weiß: „Wer das Wetter nicht mag, hat ein Leben lang keinen guten Tag.“

Inspiriert durch das Wissen einer alten Bäuerin beschäftigt sich Hans Gessl seit über 20 Jahren mit dem Wetter.

„Die Natur gibt uns sehr viele Hinweise. Wir müssen sie nur richtig deuten.“

Der Frosch als Windrad ist eine von vielen Wettermessanlagen in Gessls Garten. Der „Wetterhans“ will es spüren und begreifen.

Tägliches Morgenritual mit heißem Kaffee: Noch bevor der Tag richtig angebrochen ist, beobachtet Hans Gessl vom Balkon seines Hauses aus das Wetter über dem Hausruckviertel.

Die Launen der Natur: Wer beim „Wetterhans“ zu Besuch ist, begegnet Fundstücken wie diesem vom Wetter gezeichneten Naturgeist.

„Das Wetter und das Leben bilden eine Einheit.

Wir sind Wetter.“

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